Die Dominikanische Republik ist ja bekannt als Land „das Alles hat“. So zumindest lautet die Aussage des Tourismusministeriums. Doch wollen wir hier nicht über den höchsten (Pico Duarte) oder niedrigsten Punkt (Lago Enriquillo) sprechen, auch nicht über Wüstenlandschaften und Kakteen oder tropische Regenwälder. Auch die Region Punta Cana wollen wir hier einmal ausnehmen, es ist ein in drei Jahrzehnten geschaffenes Touristenparadies, hat aber wenig zu tun mit dem realen Leben der Dominikanischen Republik.
Ja, in der Dominikanischen Republik kann man leben, sollte sich aber auf Kontraste einstellen die nicht größer sein können, auf Lebensumstände die man mit normalem Menschenverstand nicht erklären kann. Wer als Tourist kommt, der liebt diesen „dominikanischen Wahnsinn“, findet alles „karibisch“ oder „lebensfroh“. Betrachten wir also mal den Irrsinn diesen Landes, mit einem kritischen aber auch liebevollen Auge. Denn es liegt ja an uns ob man dieses (Chaos) für europäische oder auch amerikanische Sichtweisen als lebenswert empfindet.
Man lebt hier in einer parallelen Welt und beginnen wir mit dem Punkt der Anreise wenn Auslandsdominikaner ihr Land besuchen. Ob in den USA oder einem Land Europas, dort sind sie gewohnt sich Regeln und Vorschriften anzupassen, doch kaum auf heimischem Boden angekommen, verwandeln sie sich wieder zum Ur-Dominikaner. Schon am Flughafen bleibt man mitten im Eingang stehen um sich ausgiebig mit der ganzen Familie (und gegebenenfalls noch angereisten Freunden und ehemaligen Nachbarn) zu umarmen. Das sich bei der liebenswürdigen Begrüßungszeremonie nachfolgende Touristen die Kofferwagen in die Hacken fahren ist nebensächlich.
Dann geht es im Auto Richtung Wohnsitz. Und hier zeigt man wieder Anpassungsfähigkeit. Wie ein umgelegter Schalter, schon fährt man dominikanisch. An der Tankstelle mal gleich eine Flasche Rum oder Whisky und ein paar „Bien Fria“ (eiskaltes Bier) holen, die Ankunft muss gefeiert werden. Auch im üblichen Straßenverkehr des Landes ist Alkohol oft mit dabei, dafür verzichtet man dann schon mal auf einen Führerschein, eine Autoversicherung oder andere Nebensächlichkeiten. „Dios es mi guia“ (Gott ist mein Führer) prangt irgendwo am Auto oder Bus, das reicht doch. Vielleicht noch ein „Jesus-Bildchen“ am Scheinwerfer…man sieht auch so genug, andere fahren gar ganz ohne Beleuchtung.
Das Fahren macht vor allem in der Stadt Freude. Kann der Dominikaner ansonsten geduldig in Schlangen stehen (bei Telefongesellschaften, Stromverteilern usw), so ist es im Verkehr völlig anders. Wie vom Teufel gehetzt muss nun jeder der erste sein. Zwischen die Stoßstangen passt kaum ein Blatt Papier, dennoch schaffen es Mopedfahrer immer wieder die Fahrbahnen dutzendfach zu kreuzen.
An den Ampeln bildet sich wieder der Anblick von Gegensätzen. Es ist doch praktisch dass man hier fast alles bekommt. Dienstleistung findet auf der Straße statt. Die Scheiben werden geputzt, die Scheibenwischerblätter gewechselt, Telefonkarten, Getränke, Obst und Gemüse und jede Menge Schnurz bieten Verkäufer an. Ja, da hat man nun wieder Zeit, probiert in Seelenruhe verschiedene Modelle von Sonnenbrillen aus oder Handyzubehör. Derweil schaltet die Ampel auf grün. Kein Problem, auf einmal scheint es Zeit geregnet zu haben. Manch ein Händler stellt gleich seiN Fahrzeug am Straßenrand ab, verkauft vor Ort. Spart die Ladenmiete und Laufkundschaft (wenn sie auch fährt statt läuft) gibt es genug.
Im Gegensatz dazu fährt man dann allzu gern bei Rotlicht über die Kreuzung. Jetzt muss verlorene Zeit aufgeholt werden, man kann nicht warten. Die Verkehrspolizei steht gelangweilt herum und schaut zu, schreitet nur ein wenn es den Tagesbefehl „Rotlicht Signal überfahren“ gibt. Ein Landesmerkmal, die Verkehrspolizisten sind nicht in der Lage auch nur einige Verkehrsdelikte an einem Tag zu verfolgen und zu bestrafen, so kommt es zu Tagesbefehlen. Mal kontrolliert man die Gurtpflicht, mal die Helmpflicht oder das Telefonieren am Steuer. Meist aber steht man schattig und tut nichts. Man wundert sich auch nicht wenn man Verkehrspolizisten im Verkehr sieht und diese selbst und höchstpersönlich Verkehrsregeln missachten.
mehrere Verstöße heben sich wohl auf: Fahren ohne Beleuchtung, Personen auf der Ladefläche, schlechte Reifen, LKW-Fahrverbot auf Überführungen…
Aktivität kommt hingegen auf wenn es Strom gibt und die Ampelbeleuchtung gibt. Dann gibt es unendlich viele Polizisten die es besser wissen und entgegen der Ampelschaltungen den Verkehr regeln, was natürlich unweigerlich zu einem Chaos führt. Andererseits, bei Stromausfall und dem eintretenden Chaos weil sich jeder nun Vorfahrtsberechtigt sieht, tun auch die Polizisten nichts.
Über den Verkehr kann man viel schreiben. So sieht man auch Taxifahrer, im Privatleben sind sie verantwortungsvolle Familienväter, doch nun sind sie im Dienst. Verantwortungsbewusstsein für Passagiere? Die Schrottlauben haben im Grunde nur eine funktionierende Hupe. Beleuchtung defekt oder ganz fehlend, Bremsen abgefahren, Stoßdämpfer ausgeschlagen und die Fahrweise zwischen Vollgas und Vollbremsung ist ein weiterer Gegensatz.
Zum Ausgleich wird dann entgegen der Verkehrsgesetze gefahren. Gehalten wird ausschließlich im Kreuzungsbereich und dort wo Halten / Parken verboten ist. Ja, der dominikanische Straßenverkehr bietet alles. Tiefe Krater (Schlaglöcher und fehlende Kanaldeckel), Staus und Rennstrecken, überall Verkäufer und zwischendrin Unmengen von Viralatas (Dominikanischer Senfhund – verschiedene Rassen haben ihren Senf dazu gegeben). Als Fußgänger geht man auf der Straße, denn Gehwege sind blockiert durch Strommasten und Lichtmasten, durch Verkaufsstände und Werkstätten, aber auch Falschparkern.
Auf den kleineren Straßen des Landes finden sich Kinder, die diese Verkehrswege als Baseballstadion betrachten, geparkt wird wo Platz ist und dabei fragt man nicht ob auf der Gegenseite auch ein Auto parkt. Dann stehen da eben zwei Autos und die Straße ist dicht. Man kann ja auch andere Wege nutzen, das Land hat doch alles.
Während am Tage die Motoconchos die Ecken und Kreuzungsbereiche in Beschlag nehmen sind es abends Dutzende von Chimi-Churris. Bei so vielen Frituras auf den Straßen fragt man sich: kocht jemand überhaupt zu Hause? Wollen wir das Thema lieber verlassen, denn ohne Fast-Food wäre das Volk schon verhungert.
Mathematik. Das ist ein Buch mit sieben Siegeln. Jeder der hier im Land lebt hat Erfahrungen gesammelt. Selbst einfachste Addition ist nur mit einem Taschenrechner machbar. Selbst bei 10+10, die Rechenmaschine muss her. Und bedingt durch einen Eingabefehler mag vielleicht 30 herauskommen. Dann stellen sie sich auf Diskussionen ein, denn ein Taschenrechner irrt nicht. Und über Subtrahieren, Multiplizieren und gar Prozentrechnung wollen wir gar nicht reden. Ein Umstand übrigens, den sich die Regierung der Dominikanischen Republik allzu gern zu Nutze macht. Wird das Brot von 3 Pesos auf 5 Pesos erhöht, sind es „nur“ 2 Pesos mehr. Kommen aber statt 2.000 Touristen aus Peru nun 4.000, dann redet man vollmundig von 100% Zuwachs. Was sind schon 2.000 Urlauber mehr im Vergleich zu 1,6 US-Urlaubern?
Andererseits spielt man Domino und entwickelt hierbei weltmeisterliche Rechenkombinationen. Selbst die Tatsache dass man oft unter tropisch heißem Klima spielt und Schatten nicht genügend Abkühlung bringt sondern jede Menge „Bien Fria“ oder Rum mit Eis, all das schmälert nicht im Geringsten das Rechenvermögen und die Kombinationsgabe beim Domino.
Ein weiteres Beispiel gefällig? Dominikanische Angestellte / Arbeiter anzulernen erfordert viel Geduld. Immer wieder muss man erklären was man möchte. Und auch Begründungen WARUM das so sein muss / sollte stößt auf taube Ohren. Das Erinnerungsvermögen ist gegen Null, am nächsten Tag sagt man es wieder und wieder und wieder. Aber wie schaffen Dominikaner es, sich Lieder seit der 7oer Jahre zu merken? Ob Bachata oder Merengue, man kann jedes Lied mitsingen. Gut, sagt der Eine oder Andere, in der Zeit wurde das Lied auch oft genug gedudelt. Doch nein, kaum ist der Hit raus kann die gesamte Bevölkerung den Text mitsingen. Also was ist der Knackpunkt bei dem Erinnerungsvermögen? Vielleicht sollten Betriebsanweisungen mit Musik verabreicht werden um in die Hirnwindungen einzudringen? Eine gesungene Betriebsanleitung, das hat doch was. Wenn man noch dazu tanzen kann merkt man sich vielleicht etwas!
Ja, das alles verdient den Namen Chaos. Und obwohl es manchmal ein Kampf ist und schon mancher Parkplatz mit dem Tode bezahlt wurde, auf der anderen Seite zeichnet sich alles mit Fröhlichkeit und Solidarität aus. Letztere ist gut zu beobachten wenn in einen Unfall ein Ausländer, allgemein „Gringo“ genannt (wenngleich es eigentlich nur Amerikaner ansprechen sollte), verwickelt ist. Ganz klar, es gibt auf einmal Hunderte von Zeugen und alle (die auch nichts gesehen haben) sind sich einig: Der Gringo war Schuld.
Ach nein, solche Ungerechtigkeit beschränkt sich nicht auf die Hautfarbe. Die Verkehrspolizei im Lande ist, trotz Uniform, auch eher eine Gemeinschaft von Feiglingen. Die Gegensätze eben. Die Motoconchos, zu Gewalt und Widerspruch neigende Machos, werden gerne übersehen mit ihren Delikten die ach so zahlreich sind (verkehrsunsichere Mopeds, kein Kennzeichen, keine Lizenz, kein Helm, drei Personen und mehr transportiert, bei Rot über die Ampel fahrend (ach nein, das ist kein Delikt, das ist ein Volkssport), all das sieht man nicht. Da gilt eh das Gewohnheitsrecht.
Die Polizei muss ja nicht alles sehen
Aber eine harmlose Dominikanerin ist weniger aggressiv. Sie hält man gerne an, beschlagnahmt das Zweirad. Hatte sie doch keinen Helm auf oder ein Kind an Bord. Und wo wir nun doch wieder beim Thema „Verkehr“ angekommen sind, noch ein paar Worte zur Amet/Polizei. Gerade die Ordnungshüter sollten doch mit gutem Beispiel voran fahren. Doch was tun sie? Sie zeigen dem Volke erst was alles so möglich ist.
Tja, das Land bietet viel. Vor allem an schönen Stränden fehlt es nicht. Doch der Gegensatz von schön ist: hässlich. Also muss man diesen Umstand auch schaffen, das Land hat ja Alles. Wo also vor dem Wochenende schöner Sandstrand lockte, da schockt am Sonntag Abend die wilde Müllkippe. Zwischenzeitlich haben Bewohner ein schönes Wochenende verbracht. Mit Freunden und Familie geht es an die Küsten und Balnearios. Man schleppt schwere Kühlboxen (Getränke und Essen in rauen Mengen) an den Strand. Für eine schwarze Mülltüte war leider kein Platz. Also bleiben Flaschen und Einweggeschirr zurück. Nach so viel Feiern hat man auch keine Kraft mehr den Müll zu korrekt zu entsorgen.
Das Müllverhalten ist ebenso ein Gegensatz. Nicht nur die schönsten Naturflecken des Landes werden zugemüllt, ein weiteres Phänomen ist, dass aufgestellte Müllbehälter dazu verleiten den Abfall vorher oder nachher wegzuwerfen, nur nicht in dem Moment wo man an einer Tonne vorbeiläuft. Und die großen Müllcontainer in der Stadt? Welcher Depp hat da Deckel draufgemacht? Wie soll man da den Müll reinwerfen? Also wirft man ihn daneben.
Die Dominikaner also ein Volk von Umweltverschmutzern? Das passt nicht ins Bild der Gegensätze. Da gibt es doch den internationalen Tag der Strände und Küsten. Da machen hunderte und tausende, angetrieben von Umweltbewusstein, mobil. Da werden Tonnen von Dreck und Abfall eingesammelt. Man ist sich der Bedeutung von Natur und Umwelt bewusst. Leider nur einmal im Jahr.
Ja, bei genauer Betrachtung findet man noch viele Eigenarten der lustig fröhlichen Bevölkerung und leider verstehen viele Residenten das Thema Integration falsch und dominikanisieren. Und so viel man auch als „Gringo“ meckert – sind wir ehrlich zu uns selbst: Wir fluchen über Korruption, doch freuen uns wenn wir etwas bauen können wie wir wollen. Der Mann vom Amt kriegt ein Trinkgeld und schon fragt niemand mehr.
Der Polizist, bevor er sein Klagen über ein gesetzwidriges Verkehrsverhalten beginnt, bekommt ein paar Pesitos und den Hinweis dass heute doch ein sehr heißer Tag ist, da soll er mal was trinken gehen. Mit anderen Worten: wer in diesem Land leben möchte, der muss ich den Gegensätzen anpassen, das betrifft auch die Lautstärke im Land. Eine Musikanlage ist erst dann eingeschaltet wenn die Membrane am Lautsprecher sich nach außen wölbt.
In diesem Sinne: Willkommen im Land, der Dominikanischen Republik, dem Land das alles hat, vor allem Gegensätze. Und hoffentlich nehmen sie diesen Beitrag nicht allzu ernst, sondern mit dem Gegenteil: mit Humor. Übrigens, auch die Landesfahne bietet zahlreiche Gegensätze. Rot und Blau sind offensichtlich. Aber in der Mitte ist eine Bibel abgebildet. Die Dominikanische Republik ist übrigens das einzige Land weltweit welches so dem Christentum huldigt. Doch wo steht etwas von Treue und wie man Frauen zu behandeln habe? Muss eine Bibel sein die nicht in Landessprache geschrieben war, denn leider, Misshandlungen, Vergewaltigungen und Ermordungen von Frauen stellen im Land ein wahrlich großes Problem dar!